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Hans Castelijns
Medico Veterinario - Maniscalco
D. V. M. - Certified Farrier

Die Deformation des Hufes in vertikalem Sinn, Ursache, Folgen und praktische Behandlung

Einleitung:

Wie wir alle wissen, führt der Huf gewisse Bewegungen aus. Der Hufmechanismus wird durch Belasten und Entlasten angetrieben, das heißt beim Auffußen bewegen sich die Trachten auf horizontaler Ebene nach außen und beim Abfußen kehren sie in ihre Ausgangsstellung zurück.

Foto 1
Abb. 1: 
Zeichen des Hufmechanismus auf der Hufeisenoberfläche
Neben dem Hufmechanismus hat der Huf auch ein beträchtliches Bewegungsausmaß der Trachten in vertikalem Sinn gegenüber den internen Strukturen des Fußes und den einzelnen Trachten in Hinsicht auf ihre contralaterale Trachtenwand (Thomason, 1998).

So kann man die vertikalen Bewegungen der Trachten durch Bearbeitung des Barhufes größer beeinflussen als ihre Bewegungen auf horizontaler Ebene.
Durch diese Bewegungen in vertikalem Sinn des hinteren Barfußbereiches kann sich die Hornkapsel zum Teil an die Ungleichmäßigkeit des Bodens anpassen und bei im Zirkel befindlichem Pferd verringern sich die in Querrichtung auf die distalen Gelenke der Gliedmaße einwirkenden Spannungen.

Bei mit herkömmlichen Hufen beschlagenen Pferden werden die vertikalen Bewegungen der Trachten durch die starren Eisen eingeschränkt, es bleibt in erster Linie nur der horizontale Hufmechanismus.
Foto 2
Abb. 2: 
Kunststoffeisen erlauben die vertikale Mobilität der Trachten

Deformation der Hornkapsel in vertikalem Sinn:

Pferde mit nicht lotrechter Beinstellung wie Winkelabweichungen (valgus – varus) X-förmig und O-förmige) und Rotationen (nach innen –„bodeneng”, nach außen – „bodenweit“) und mit einer Kombination dieser Behinderungen haben immer asymmetrische Hufe.

Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Form, die der Huf annimmt und der Beschaffenheit der Gliedmaße, zu der er gehört.
So führt zum Beispiel eine reine O-Stellung des Knöchels zu einem seitlich engeren (kleinen) und medial mehr entwickelten Huf. Eine reine mediale Rotation der Zehe führt zu einem „diagonalen“ Huf mit entsprechender Atrophie der medialen Trachte und der äußeren Zehe.

Foto 3
Abb. 3: 
Hufrandanpassung bei Zehenrotation nach innen (bodeneng)
Durch diese Anpassung der Hufrandform verringert sich die biomechanische Hebelwirkung auf die distalen Gelenke des Pferdes, ursprüngliche Scharniergelenke, die sich durch Beugungs- und Dehnungsschwankungen auf Sagittalebene des Pferdes entwickelte haben (Castelijns, 1994).
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Abb. 4: 
Schema einer Hufrandanpassung und seine Hebel bei Rotation.
Ziel des korrekten Ausschneidens ist, die Zwischenräume zwischen den Zehengliedgelenken parallel zu halten (Serteyn, 1995).
Foto 5
Abb. 5: 
Röntgenbild zum Messen der Zehengliedzwischenräume nach Serteyn
Neben der positiven Anpassung der Hufform an die nicht korrekte Beinstellung verformen sich diese Hufe aber auch sehr leicht. Die Deformation der Hornkapsel oder eines Teils davon sieht man am Verlauf der Hornröhrchen: Diese sind in ihrem Verlauf von der Krone zum distalen Hufrand gebogen. Das ist ein Zeichen von Deformation und darf nicht verwechselt werden mit der physiologischen Anpassung des Hufs an die nicht lotrechte Beinstellung.
Beispiele sind: Dorsalwand mit konkavem Profil, untergeschobene Trachten, Ausbuchtung der lateralen oder medialen Wand.

Die Hornkapsel verformt sich auch sehr leicht in vertikalem Sinn, vor allem in ihren hinteren Bereichen, wo die laminare Verkettung noch nicht am starren Rücken des dritten Zehenglieds verankert ist, sondern an den flexiblen Strukturen, d.h. an den Hufknorpeln.

Die vertikale Deformation der Trachten ist erkennbar, wenn man die Krone und ihren Verlauf (von oben) betrachtet (und abtastet) (Foto), die Höhe der beiden Ballen vergleicht und die Länge jeder Trachte von der Krone bis zum distalen Hufrand misst.
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Abb. 6: 
Eine in vertikalem Sinn deformierte Trachte von hinten gesehen.
Abb.7: 
dasselbe in Seitenansicht.
Foto 7

Folgen:

Als Folge einer aufgeschobenen Trachte oder eines aufgeschobenen Ballens, eine Situation die allgemein zusammen mit einer lokalen geraden Wand vorkommt: (hyperkonisch) können auftreten: fortschreitende Verengung der Trachte mit verdickten Ringen unter und parallel zu der darüber liegenden Krone.

Fortschreitende Hyperkonizität bis zu umgekehrter Konizität (Schema) (die auch als eine der Formen von echter Deformation in Querrichtung definiert werden kann, weil die Hornröhrchen hier nach innen gebogen sind; (spontane, blutige nach unten gehende Hornspalten).

Die oben der Schwere nach beschriebenen Folgen hängen also in erster Linie von einem oder mehreren Aufbaufehlern der entsprechenden Gliedmaße ab und werden durch eine zu große Huflänge noch verschlimmert (je länger der Huf ist, desto mehr kann er sich verformen, und das sowohl in Querrichtung als auch in vertikalem Sinn).
Auch das für die meisten Pferde unumgängliche Beschlagen kann die Deformationen verschlimmern, und zwar das Aufschieben eines Ballens – einer Trachte gegenüber der contralateralen Wand bedingt durch die Begrenzung der normalen vertikalen Bewegungen der Trachten und durch die fortschreitende Verlängerung des beschlagenen Hufs während des Beschlagintervalls.

Die letzte Folge, d.h. die (nicht infolge von äußeren Verletzungen, sondern infolge von internem Druck) nach unten gehende und spontane Hornspalte an der Seitenwand / Trachte entsteht durch das durch die aufgeschobene und vertikalisierte Wand verursachte fortschreitende Einklemmen des Hufknorpels in proximalem Sinn. Beim Auffußen werden die Hufknorpel gespreizt und nach außen gebogen durch den Druck der medianen und proximalen Zehenglieder, die sich horizontalisieren und dadurch das Hufkissen zusammendrücken und die proximalen Knorpelränder durch ihre Condropedal-Bänder nach unten ziehen.

Foto 8
Foto 9
Abb. 8-9: 
Hufknorpel ohne Belastung, und mit Belastung. Anatomiepräparat und Fotos(s) aus Gefälligkeit von Michael T. Savoldi.
In einem normalen, symmetrischen, konischen Fuß mit geradem Kronenverlauf (von der Seite gesehen) ist viel Platz für die Ausbreitung der Hufknorpel über dem proximalen Rand der Hufkapsel, d.h. der Krone. Bei einer stark vertikalisierten und in proximaler Richtung (nach oben) verdrehten Wand ist dieser Platz nicht mehr vorhanden und die unvermeidbare interne Ausbreitung des Knorpels, die von innen die Krone und die proximalen Blättchen traumatisiert, verursacht eine nach unten gehende, oft blutige Hornspalte, die Lahmheit erzeugt.
Foto 10
Abb. 10: 
Spontane Hornspalte, zu beachten, dass sie an der deformierten Krone beginnt.
Bei der klinischen Untersuchung des Fußes mit einer nach unten gehenden spontanen Hornspalte kann leicht kontrolliert werden: 
a) dass die Hornspalte immer da beginnt, wo die Krone weiter nach oben geschoben ist (als eine Art „Buckel“) von der Seite gesehen
b) dass bei asymmetrischen Füßen der tastbare proximale Knorpelrand, der frei über das Saumband herausragt, an diesem Punkt kleiner als normal oder als bei der contralateralen Trachte ist.
Foto 11
Abb. 11: 
Abtastung, Messung des freien proximalen Randes des Hufknorpels

Behandlung von aufgeschobenen Trachten: 

Der Grund für die markante Asymmetrie von bestimmten Hufen und für die Leichtigkeit, mit der sich die Wand an einer Trachte vertikalisiert und hochschiebt, liegt in der fehlerhaften Form der Gliedmaße, zu der der Huf gehört.
Hier stellt sich das Problem, den Huf wieder auszugleichen, ohne das Skelett in seinem Inneren zu verformen, das die parallelen Zwischenräume zwischen den Gliedern bewahren sollte. (Serteyn). Praktisch heißt das, eventuelle vertikale Deformationen der Krone werden verringert, ohne die digitale Achse in Querrichtung zu verändern.
Eine nützliche Methode dafür, die man allerdings nicht als erhaltend bezeichnen kann, ist die Bildung einer Furche unter der Krone über die gesamte Wandstärke (bis zur Huflederhautblättchen (corion laminaris) auf der hochgeschobenen Wand. Diese Methode wird bei bestimmten Fällen von Laminitis (Grolsch – Fergusson, Castelijns) angewendet und kann für einige zu den Seitenwänden gehende chronische und rezidive Hornspalten empfohlen werden. (Pires, 1991)

Foto 12
Abb. 12: 
Furche unterhalb des Kronensegments, die dazu neigt, sich auf dieses auszudehnen.
Da es sich um eine wirksame, wenn auch relativ blutige und radikale Methode handelt, ist es unwahrscheinlich, dass sie, abgesehen von extremen Fällen, von den Besitzern mit Begeisterung angenommen wird. Als Alternative kann man mit einer mehr erhaltenden Methode die auf die Trachten aufgeschobene Wand bis auf ca. 7 mm wieder nach unten senken. Nachdem der Fuß (möglichst heiß) für die gewünschte Beinstellung in der digitalen Achse ausgebrannt worden ist (Foto), wird im Bereich der hochgeschobenen Krone von der Seitenwand ausgehend bis zur Trachte weiter ausgeschnitten. (Anz, 2004)

Zum Festnageln des Eisens hat man beim Auflegen desselben auf dem ausgebrannten Huf eine Auflagefläche, die von einer Zehe bis zur contralateralen Trachtenwand geht, (Foto - ) dabei fehlt der Kontakt unter der Wand, die man hinunterziehen will. (Foto - )

Beim Festschlagen der Nägel im Bereich der Auflagefläche (ein Nagel in die Seitenwand, alle auf der gegenüberliegenden Seite) (Foto -) und mit Pferd aufgefußt auf die entsprechende Gliedmaße während die anderen Gliedmaße beschlagen werden, kann man sehen, das der fehlende Kontakt bis zu +/- 7 mm im Bereich der aufgeschobenen Trachte aufgrund des Absinkens der darüber liegenden Wand in wenigen Minuten verschwindet.
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Abb. 13-14: 
Fehlende Auflage, vorher und nachher, zu beachten: die Position der Krone
Mit diesem System (Daniel Anz) werden mit relativ einfachen Methoden ziemlich gute Anpassungen der Kronendeformationen erreicht. Für schwere vertikale Deformationen kann es vorteilhaft sein, weitere Teile des Fußes, wie Strahl, gegenüberliegende Eckstrebe, Teil der Sohle mit Stegeisen, Herzstegeisen u/o Unterlagen und Einlagen (Silikon, Polyurethan) (Castelijns, 2005), zu stützen, dabei muss aber immer die Auflage unter dem hochgeschobenen Bereich fehlen. 
Foto 15
Abb. 15: 
Zusammenfassung von Sohle, Strahl und Eckstrebe durch eine mit Polyurethan gefüllte Unterlage.

Schlussfolgerung:

Pferde mit schweren fehlerhaften Beinstellungen, besonders Rotationsfehlern und noch schlimmer in Verbindung mit Winkelabweichungen neigen immer wieder zu Deformationen in vertikalem Sinn ihrer Hufe. Deshalb sind diese Techniken oft keine diskreten und nachhaltigen Eingriffe, sondern Teil einer über einen langen Zeitraum andauernden und sorgfältigen Behandlung ihrer Gliedmaßen und Hufe zum Schutz und zur Verlängerung ihres aktiven Lebens. Ein Teil dieses Schutzes besteht auch und hauptsächlich darin, die möglichst kurzen Beschlagsintervalle einzuhalten.

Fehlerhafte Beinstellungen eines erwachsenen Pferdes können nicht „korrigiert“ werden, sie können nur überwacht werden. Der Zeitpunkt für die Korrigierung der Beinstellung ist während der ersten Lebensphase des Fohlens, wenn die Wachstumsfugen noch aktiv sind.

“Die zu den Seitenwänden (absteigenden) Trachtenspalten sind wie alte Freunde, sie kommen stets unerwartet.”  Jaume Marès

Ein Dankeschön an Michael T. Savoldi

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